
Gemeinsam schenken wir ein Stück Herzenswärme. Einmal im Jahr werde ich zur Briefträgerin.
Einmal im Jahr fahre ich mit vielen liebevoll geschriebenen Briefen nach Linz – ins Seniorenheim der Franziskusschwestern.
Seit fünf Jahren organisiere ich die Briefaktion Herzenswärme. Ich bin Kalligrafin – ich liebe Buchstaben.
Ende November sammle ich all meine Letter-Begeisterung und starte meinen Aufruf:
Bitte seid so lieb und schreibt mir einen Brief. Nicht für mich – sondern für die Bewohnerinnen und Bewohner bei den Franziskusschwestern.
Rund um den 15. Dezember fahre ich dann voller Freude mit einem großen Stapel Post ins Seniorenheim.
Dort werde ich bereits erwartet: von der Direktorin, der Pflegedienstleitung und von Schwester Anna.
Sie ist für mich ein Engel. Zum Seniorenheim habe ich einen besonderen Bezug, denn mein Papa wurde dort zweieinhalb Jahre liebevoll betreut. Schwester Anna war diejenige, die mich in den ersten schweren Tagen aufgefangen hat. Sie ist Klosterschwester – und als sie meine Tränen sah, als ich mit meinem Papa im Rollstuhl durch den Garten fuhr, wusste sie sofort: „Jetzt ist wieder eine neue Angehörige bei uns angekommen.“
Sie fragte mich behutsam: „Wie heißt denn Ihr Vater?“ Mit dicken Tränen in den Augen sagte ich: „Erich Felber.“
Und statt mich zu vertrösten oder die Situation schönzureden, meinte sie ganz locker:
„Mein Onkel heißt auch Erich.“ Plötzlich musste ich schmunzeln. Sie nahm die Schwere aus der Luft – und wir mussten beide lachen. Bis heute verbindet uns eine tiefe Nähe und Dankbarkeit. Jedes Jahr hoffe ich, dass ich genug Post bekomme, damit jede Bewohnerin und jeder Bewohner wenigstens einen Brief erhält. Es sind 124 Bewohner. Und jedes Jahr bangt ein kleiner Teil in mir, ob mich die Leute nicht vergessen.
Doch jedes Jahr aufs Neue füllt sich mein Briefkasten bis zum Übergehen. Schulklassen, private Initiativen, Freundinnen und Freunde, Kalligrafie-Kursteilnehmer, so viele helfen mit. Und so kommt es, dass manchmal sogar über 250 Briefe zusammenkommen. Diese Briefe werden bei der Weihnachtsfeier verteilt. Manchmal wünsche ich mir eine Tarnkappe, um heimlich zuzusehen, wie die Umschläge geöffnet werden.
Denn auch ich weiß nicht, was in den Briefen steht. Das Einzige, was ich beilege, ist ein Zettel, der erklärt, wer ich bin und wie die Aktion entstanden ist. Als mein Vater im Seniorenheim war, entstand eine besondere Nähe zwischen uns. Diese Zeit war schwer, denn mein Papa wollte unbedingt wieder nach Hause. Es brach mir das Herz, wenn er mich fragte: „Wann holst du mich ab? Darf ich mit dir heimfahren?“ Das Einzige, was ich für uns tun konnte, war: ihn so oft wie möglich zu besuchen. Ich kam am Nachmittag, und wenn er sich vom Mittagessen ausruhte und im Bett lag, legte ich mich zu ihm. Wie früher. Wie an den Sonntagen meiner Kindheit, wenn ich mich zu meinen Eltern aufs Bett kuschelte. Ich bedankte mich bei ihm. Für alles, was er für mich getan hat. Er war ja auch mein Lehrmeister – und oft waren wir nicht derselben Meinung. Aber mein Vater war ein Meister im Farbenmischen, in Handwerkstechniken, und er brachte mir so vieles bei. Dieses Wissen begleitet mich bis heute. Und dafür dankte ich ihm. Er strahlte. Und ich hatte das Gefühl, dass zwischen uns noch
einmal eine tiefe Nähe entstand. Die Zeit im Seniorenheim war eine schwere Zeit – aber ich möchte keine Stunde missen. Denn sie hat uns ein zweites Mal ganz eng verbunden. Darum habe ich einen besonderen Bezug zum Seniorenheim. Vielleicht organisiere ich deshalb die Aktion Herzenswärme:
Weil ich spüre, wie viel Nähe ein Brief schenken kann. Nur gemeinsam …
Gemeinsam schenken wir ein Stück Herzenswärme.
Vielleicht spürst du beim Lesen meiner Zeilen ein kleines Ziehen im Herzen. Eine Sehnsucht danach, selbst ein Stück Wärme zu schenken.
Gerade jetzt, in der Adventzeit, wo wir uns oft vornehmen, langsamer zu werden – und es dann doch nicht tun. Darum möchte ich dich einladen, dir einen Moment Zeit zu schenken. Setz dich hin, atme durch, nimm ein Blatt Papier zur Hand – und falte dir ein Kuvert.
Als Kreativtrainerin und Kalligrafin zeige ich dir Schritt für Schritt, wie einfach das geht: ein selbst gefaltetes Kuvert, liebevoll gestaltet, vielleicht mit einem Hauch Farbe,
einem sanften Pinselstrich, einem kleinen Detail, das ein Lächeln schenkt. Es braucht nicht viel – oft ist das Schlichte das Schönste. Und dann: schreib ein paar Zeilen hinein. Es müssen keine poetischen Meisterwerke sein, kein perfekter Brief. Ein paar ehrliche Worte genügen. Worte, die von Herzen kommen.
Vielleicht schreibst du an jemanden, den du lange nicht kontaktiert hast. Vielleicht an jemanden, der dir wichtig ist. Oder du überraschst jemanden, der gar nicht damit rechnet – einfach, weil es gut tut.
Es geht nicht um Perfektion. Es geht ums Vornehmen – und Tun. Um ein paar Minuten echter, gelebter Aufmerksamkeit. Denn Worte können Nähe schenken. Worte können stille Umarmungen sein. Und ein handgemachtes Kuvert sagt: „Ich habe mir Zeit für dich genommen.“ Vielleicht faltest du heute ein Kuvert.
Vielleicht schreibst du nur zwei Sätze. Vielleicht entstehen drei Seiten. Alles ist richtig. Und wer weiß – vielleicht zaubert genau dein Brief einem Menschen ein Leuchten ins Gesicht.
Gemeinsam schenken wir ein Stück Herzenswärme. Nicht nur im Seniorenheim. Sondern überall dort, wo wir uns füreinander Zeit nehmen.
„Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Falten und Gestalten eines Kuverts findest du im Bereich Aktuelles – Kuvert falten.“ Viel Spaß