Mein Vater und Lehrherr
Schon als Kind wusste ich, dass ich einmal den Beruf Schriftenmalerin im elterlichen Betrieb erlernen möchte. Die riesengroßen Buchstaben, die überall zu sehen waren. Der Geruch der Farben, das Zeichnen der Buchstaben.
Das alles wollte ich erlernen – und noch viel mehr. Dass meine Eltern einen Betrieb hatten, war für mich reiner Zufall und nicht ausschlaggebend. Ich war nie die klassische Musterschülerin. Aber ich war immer kreativ. Schon früh habe ich gespürt, wo meine Stärken liegen: im Zeichnen, im Gestalten, im Formen von Schrift. Während mir das Fach Deutsch oft schwerfiel, habe ich es gleichzeitig geliebt, zu schreiben – Gedichte, Gedanken, Geschichten. Meine Legasthenie, die lange unerkannt blieb, hat mich nicht davon abgehalten. Im Gegenteil: Sie hat mir meinen ganz eigenen Zugang zur Sprache geschenkt. 
Ich wusste früh, was ich will. Und noch klarer, was ich nicht will. Während andere nach ihrem Weg suchten, war meiner längst da: Ich werde Schriftenmalerin. Und daran gab es für mich keinen Zweifel. Im elterlichen Betrieb begann ich meinen Weg ins Handwerk. Dort wurde ich nicht geschont, sondern gefordert – genau wie alle anderen. Damals war das nicht immer leicht, aber heute weiß ich: Es war ein Geschenk. Es hat mich stark gemacht, selbstständig und präzise. Ich habe Techniken gelernt, die heute fast in Vergessenheit geraten sind. Eine Zeit, in der alles von Hand entstand – ohne Computer, ohne Programme, ohne Hilfsmittel. Dieses Wissen trage ich bis heute in mir. Es ist ein Teil von mir geworden. Mein Vater hat mir in dieser Zeit unglaublich viel beigebracht – über das Handwerk, aber auch über Haltung, Qualität und Durchhaltevermögen. Vieles davon begleitet mich bis heute. Dafür bin ich ihm von Herzen dankbar. Heute verbinde ich genau das: traditionelles Handwerk, kreative Freiheit und meine ganz persönliche Handschrift. Und vielleicht ist es genau dieser Weg – mit Ecken, Kanten und Umwegen –, der meine Arbeit so besonders macht.